Scharlach Komplikationen und Spätfolgen

Scharlach (Scarlatina) tritt vorwiegend im Kindesalter auf. Vor Einführung der Antibiotika war er für Kinder eine der Haupt-Todesursachen. Eine Impfung ist bis heute nicht möglich und eine durchgestandene Erkrankung führt nicht zu Immunität. Besonders gefürchtet ist Scharlach durch Komplikationen und Spätfolgen, die auf der Wirkung von Toxinen und
immunologischen Abwehrreaktionen beruhen und lebensbedrohlich verlaufen können. Das Risiko von Komplikationen ist bei Erwachsenen wesentlich höher als bei Kindern.

 

Scharlach Komplikationen

Hohes Fieber und Ausbreitung der Scharlach Infektion Copyright: TeroVesalainen, bigstockphoto

 

Der Erreger des Scharlachs

Erreger des Scharlachs sind spezielle Streptokokken. Die meisten dieser kettenförmig angeordneten, kugelförmigen Bakterien sind friedliche Bewohner der menschlichen Haut und Schleimhäute. Streptococcus pyogenes führt normalerweise zu eitrigen Entzündungen des Hals-Nasen-Rachen-Raumes. Er gehört zur Gruppe der sogenannten ß-hämolysierenden A-Streptokokken.
Diese haben ihren Namen erhalten, weil sie auf bluthaltigem Nährboden eine vollständige Auflösung des darin enthaltenen Blutfarbstoffes zur Folge haben.

Dadurch bilden sich in dem undurchsichtigen roten Nährboden durchsichtige gelbliche Höfe rund um die Kolonien. Die Bakterien lysieren nicht nur rote Blutkörperchen. Sie bilden sie eine ganze Reihe von Enzymen, die das umliegende Gewebe auflösen (Streptolysin, Streptokinase, Hyaluronidase, verschiedene DNasen und Proteasen). Diese erleichtern die Verbreitung im Wirtsorganismus.

Die Stämme von Streptococcus pyogenes, die Scharlach und seine Komplikationen auslösen, können sich vor Immunzellen schützen, die für die Beseitigung von Bakterien zuständig
sind. Dazu gehört eine Schleimkapsel aus dem Vielfachzucker (Poylsaccharid) Hyaluronsäure und ein spezielles Oberflächenprotein, das M-Protein.
Beide verhindern die Beseitigung durch Fresszellen (Phagozytose), indem sie die Erkennung ihrer Oberflächenstrukturen verhindern (molekulare Mimikry).

Das M-Protein erlaubt eine serologische Unterteilung der Streptokokken in über 80 Varianten. Das Eiweiß wirkt immunogen und löst eine Immunreaktion des Körpers aus. Gleiches gilt für eine
Reihe weiterer Exotoxine (Exotoxin A, C) und Superantigene (SmeZ, SpeA). Diese rufen den typischen Hautausschlag hervor und verursachen eine ganze Reihe von
Komplikationen und Spätfolgen.

 

Scharlach Komplikationen

Vor allem wenn das Immunsystem geschwächt oder eine Infektion nicht richtig ausgeheilt ist, können sich die Streptokokken im Körper  ausbreiten. An anderer Stelle sorgen sie für weitere Erkrankungen, die bei Scharlach als Komplikationen gefürchtet sind. Es handelt sich um Entzündungen, deren Eiter aus Bakterien und Immunzellen besteht.

  • Mandelentzündung (Tonsillitis), teilweise mit Abszessbildungen
  • Mittelohrentzündung (Otitis media)
  • Nebenhöhlenentzündungen (Sinusitis)
  • Lungenentzündungen (Pneumonien)
  • Hirnhautentzündung (Meningitis)
  • Wundscharlach.

In seltenen Fällen dringen die Bakterien durch Schmierinfektion in offene Wunden ein. Ausgehend von der Wunde bildet sich ein Ausschlag und in die Blutbahn eindringende Erreger können eine Blutvergiftung (Sepsis) verursachen.

 

Scharlach: Spätfolgen durch Toxine

Neben eitrigen Entzündungen durch die Bakterien selbst kann Scharlach Spätfolgen verursachen, die durch die Toxinbildung zustande kommen. Zu langfristigen Schäden und unmittelbarer Lebensgefahr führt vor allem das

  • Toxische Schocksyndom (TSS, Streptokokken-induziertes toxisches Schocksyndrom STSS) mit Multiorganversagen. Bei Eindringen der Erreger in die Blutbahn führen
    deren erythrogenen Toxine zu einem toxischen Schock, der ein multiples Organversagen zur Folge hat. Die typischen Leitsymptome des TSS sind hohes Fieber über 39 °C, Abfall des Blutdruckes und Hautausschlag. Hinzu kommen Muskelschmerzen, Erbrechen, Durchfall und Verwirrtheitszustände. Letztlich fallen Leber und Nieren aus. Diese Komplikation bedarf einer
    sofortigen intensivmedizinischen Betreuung. Die Sterblichkeit liegt in einem solchen Fall bei etwa 30 Prozent.

Scharlach: Spätfolgen durch Immunreaktionen

Nicht nur die von den Bakterien gebildeten Toxine, sondern auch die gegen sie gebildeten Antikörper lösen nach Infektion mit Scharlach Spätfolgen aus. Das M-Toxin hat eine hohe Ähnlichkeit mit körpereigenen Eiweißsequenzen. Dadurch greifen dagegen gebildete Antikörper nicht nur die Bakterien, sondern auch Strukturen des eigenen Körpers an.
Teilweise manifestieren sich die Spätfolgen erst Jahre nach der Infektion.

  • Akutes rheumatisches Fieber (ARF).
    Das ARF tritt durchschnittlich 19 Tage nach einer Infektion des Rachenraums auf. Von der Autoimmunreaktion sind vor allem Gelenke, Gehirn, Herz und Haut betroffen. Eine mögliche Folge des ARF ist neben Gelenksentzündung (Arthritis) oder Gehirnentzündung (Enzephalitis)

 

  • Rheumatische Endokarditis.
    Die Aminosäuresequenzen von Faserproteinen der Herzmuskulatur sind
    denen des M-Proteins sehr ähnlich (bis zu 40 % Homologie). Daher
    reagieren die dagegen gebildeten Antikörper nicht nur mit dem M-Protein
    der Staphylokokken, sondern auch mit den Zellen der innersten Herzwand,
    dem Endokard. Dort verursachen sie eine Entzündung (Endokarditis).

 

  • Herzklappeninsuffizienz ist die Folge des Übergreifens der Endokarditis auf die Herzklappen.

 

  • Herzmuskelentzündung (Myokarditis) ist bei Scharlach eine weitere Spätfolge, die durch die Ausbreitung der Endokarditis auf das übrige Herzgewebe zustande kommt.

 

  • Nierenschäden (akute Glomerulonephritis, AGN).
    Eine AGN tritt nach einer Infektion des Hals-Nasen-Rachenraumes nach durchschnittlich zehn Tagen auf. Bei einer Hautinfektion liegt die Latenzzeit bei etwa drei Wochen. Es handelt sich um eine sogenannte Immunkomplexkrankheit. M-Protein verklumpt mit den dagegen gebildeten Antikörpern. Die so gebildeten Immunkomplexe setzen sich in den Nierenkörperchen (Glomeruli) fest und verursachen dort eine Entzündungsreaktion, die die Nierentätigkeit behindert. Im Kindesalter heilt die AGN meist folgenlos aus, bei Erwachsenen kommt es relativ
    häufig zu langfristigen Spätfolgen.

 

  • Neuropsychiatrische Autoimmunerkrankungen gehören bei Scharlach zu den Spätfolgen, die lebenslange Konsequenzen nach sich ziehen.

    • Chorea minor ist eine neurologische Erkrankung, bei der Hände und mimische Muskulatur unkontrollierte, überschießende Bewegungen durchführen. Ursache ist die Kreuzreaktion der gegen die Streptokokken gebildeten Antikörper mit Gehirnstrukturen, die für die Feinabstimmung der Bewegungskoordination zuständig sind. Vor allem die Basalganglien des sogenannten Striatums sind davon betroffen. Im Gegensatz zur Chorea major, besser bekannt als Chorea Huntington, werden diese bei der Chorea minor nicht vollständig zerstört.
    • PANDAS, Pädiatrische neuropsychiatrische Autoimmunerkrankung (Pediatric Neuropsychiatric Disoders Associated with Streptococcal Infections).
      Bei PANDAS reagieren die gegen die Streptokokken gebildeten Antikörper ebenfalls mit den Basalganglien des Gehirns. Im Gegensatz zur Chorea minor treten hier allerdings die psychiatrischen Störungen im Vordergrund. Hierzu gehören Zwangsstörungen (Tics), geistige Rückentwicklung, kognitive Defizite, Aggressivität und Depressionen.
    • Tourette-Syndrom.
      Auch beim Tourette-Syndrom greifen die gegen die Streptokokken gebildeten Antikörper vor allem die Basalganglien des Striatums an. Es äußert sich ebenfalls in überschießenden Bewegungsstörungen und Tics, wobei unwillkürliche Laut- und Sprachäußerungen hinzukommen. Häufig kommt ein Aufmerksamdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) hinzu.

 

Scharlach: Spätfolgen in der Schwangerschaft

In der Schwangerschaft kann es vor allem bei der Mutter bei Scharlach zu Komplikationen kommen. Fehlbildungen beim Kind wie bei den Röteln sind nicht zu verzeichnen. Aber wenn die Mutter infolge der Erkrankung an einer verminderten Herz- und/oder Nierenleistung leidet, kann das das Wachstum des Kindes beeinträchtigen. Daher bedarf der Scharlach bei einer Schwangeren der besonderen Überwachung. Auch wenn Antibiotika in der Schwangerschaft vermieden werden sollten, kann man Penicillin einsetzen, das in den meisten Fällen gegen Streptokokken wirksam ist.

Wie kann man sich vor Scharlach und seinen Komplikationen schützen?

Der beste Schutz vor Scharlach und seinen Komplikationen ist die Prophylaxe. Es handelt sich um einen speziellen Stamm von Bakterien, die normalerweise Erkältungen hervorrufen. Daher sind die vorbeugenden Maßnahmen die gleichen wie bei Erkältungskrankheiten. Am wichtigsten ist es, regelmäßig gründlich die Hände zu waschen, mit diesen unterwegs nicht den Mund und andere Schleimhäute zu berühren und den Kontakt mit Erkrankten zu vermeiden.

 

Literatur

  1. Ernst Wiesmann (Hrsg.), Fritz H. Kayser, Kurz A. Bienz, Johannes
    Eckert: Medizinische Mikrobiologie. 9.
    Auflage. Stuttgart: Georg Thieme Verlag (1997). ISBN-10: 3134448084.
  2. Dietrich Reinhardt, Thomas Nicolai, Klaus-Peter Zimmer (Hrsg.): Therapie der Krankheiten im Kindes- und
    Jugendalter.
    9. Auflage. Heidelberg: Springer Verlag (2014).
    ISBN-10: 3642418139.
  3. Christian Jassoy, Andreas Schwarzkopf: Hygiene, Infektiologie, Mikrobiologie.
    2. Auflage. Stuttgart: Georg Thieme Verlag (2013). ISBN-10: 3131361328.
  4. Herbert Hof, Rüdiger Dörries: Medizinische
    Mikrobiologie.
    6. Auflage. Stuttgart: Georg Thieme Verlag
    (2017). ISBN-10: 3132410381.

About author

Harald Stephan

Dr. rer. medic. Harald Stephan, Wissenschaft-/ Fachautor, Er ist Naturwissenschaftler mit medizinischer Promotion.